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Mittwoch, 30. Juni 2010

Manege frei

Der Zauberer macht einen Knicks,
den elefantengroßen Zylinder in der Hand.
Verneigt sich
vor den lollirunden Augen des Mädchens.
Hand in Hand,
steigen sie auf Butterbrot
und fliegen los.
Kinderträume?
Momentaufnahme.

Montag, 14. Juni 2010

Bierderckel-Notizen

Ein letzter Schluck Kaffee, er ist schon beinahe kalt. Dann schlägt die Uhr siebzehn. Ich schließe die Tür auf. Hage ist mein erster Gast, immer. Jeden Tag kommt er. Es ist seine Lieblingskneipe. Sagt er zumindest. Seinen Kaffee trinkt er schwarz. Und kalt. So hat er länger was davon. Sagt er zumindest. Er sitzt an der Theke, immer am selben Platz auf dem selben Hocker. Meist trägt er die gleiche Kleidung, aber man soll nicht denken, dass er nicht reinlich ist. Seine Augen sind trüb, wie das Wasser in meinem Aquarium, sein Blick gleicht dem eines alten Mannes, dabei ist er erst im vierten Jahrzehnt. Erzählen tut er nur an manchen Tagen.

Ich blicke zur Wanduhr, der Tag zählt neunzehneinhalb Stunden. Inzwischen haben sich einige Herren an der Theke versammelt. Sie schwenken halbe Liter und fühlen sich ganz groß. Am Tresen werden Männer zu Königen, an manchen Tagen auch zu Kaisern. Hage ist auch noch da. Seinen Kaffee hat er ausgeschlürft, er lauscht den klingenden Klängen der Musik, die dröhnend aus der Anlage schallen. Er raucht eine Zigarette, die vierte seit seiner Ankunft. Dann geht die Türe auf und Kaan stürmt herein. Er und Hage sind best friends. Kaan rinnen die Topfen die Nase herunter. Draußen gießt es eimerweise. Ich habe davon nichts mitbekommen, die Fenster sind zu schmutzig, um nach draußen blicken zu können. Hier drinnen ist man eben abgeschottet von der Welt da draußen. Das muss so sein, sonst fühlten sich die Gäste nicht so wohl. Dem Leben da draußen für ein paar Stunden den Rücken zu kehren, oder zumindest für ein, zwei Drinks, das ist es worum es geht. Irgendwie verständlich.

Dunkles Bier muss her für Kaan, schnell. Schmutzig ist er, die braune Suppe fließt immer noch über sein Gesicht. Seine Fingernägel sind ganz schwarz. Den halben Liter stürzt er herunter, als sei es ein Kinderspiel. Schnell ein neues Dunkles serviert und der Herr ist zufrieden. Am anderen Ende der Theke sitzt ein junges Pärchen. Sie Rotwein, er Weizen. Klassisch. Er redet, sie hört zu. Zwanzig Minuten später weint sie, versucht es zu verbergen, aber jeder sieht es. Dann rennt sie hinaus aus der Bar, zurück in die reale Welt, wo ihr Schmerz noch stärker werden wird. Er bezahlt den Deckel, geht auch, aber nicht ihr hinterher. Nächste Woche wird er wiederkommen, in Begleitung einer anderen jungen Madame.

Hage ist inzwischen gegangen, er kommt früh und geht früh, jeden Tag. Alles andere würde seine Routine stören, die braucht er, sonst kommt er nicht klar. Mittlerweile ist es beinahe Mitternacht. Geisterstunde. Am Tresen sitzen mehrere Figuren, die Luft ist von Sambuca geschwängert. Ein Mann mit einer Zahnlücke wirft mir ein seliges neun-Biere-Lächeln zu. Kaan ist beim dritten Liter, er hat sich mit einem Blatt und einer Feder bewaffnet und macht Lyrik. Reime mag er, am liebsten die reinen. Mehr als eine Strophe gelingt im meistens nicht, zu viele Gedanken und zu viel Bier harmonieren nur mäßig. Dach Kaan weiß davon nichts.

Dann klingelt die Glocke: Zapfenstreich. Ein letztes Bier für jeden, es wird Zeit zurück in die Realität zu kehren. Auch Kaan muss Abschied nehmen. Aber nicht für lange, morgen kommt er schon wieder. Auch Hage wird morgen wieder da sein, vielleicht wartet er sogar schon auf der Bank gegenüber, bis die Tür aufgeschlossen wird. Ich werde morgen nicht da sein, ein anderer wird hinter der Theke stehen.

Ich bleibe in der Wirklichkeit und funktioniere, das ist wichtig.

©grundsaetzlich.puenktlich

Kleines Märchen von der Hektik

Hastige Schritte, alles schnell schnell schnell. Wie eine Ameisenkolonne, die sich den Weg frei macht. Sie schaut sich um, um sie herum nur Trubel. Heißt es nicht eigentlich Jubel, Trubel, Heiterkeit? Keine Spur davon. Stress. Hektik. Überall. Sogar das weiße Kaninchen hat keine Zeit, schaut ständig auf seine Taschenuhr. Und schon ist es wieder weg, in seinen Bau gehüpft. Sie passt nicht durch, muss in ihrer Welt bleiben. Augen zu und durch heißt es nun. So schlimm ist es vielleicht gar nicht. Ein Schritt nach dem anderen, man muss ja nicht gleich rennen. So wie die anderen. Wie hat Mutti immer gesagt: Wie isst man einen Elefanten? Stück für Stück.